Meine EP ist fertig!

Wer mich kennt, wird es inzwischen vermutlich mitbekommen haben: Ich habe ja vor einer Weile angefangen, in meiner Freizeit Musik zu komponieren. Nach einiger Frustration bei der Suche nach brauchbarer kostenloser Musiksoftware, und noch mehr Frustration bei der Installation derselben, habe ich jetzt seit einigen Monaten etwas intensiver mit DAWs, VSTs, MIDI und sehr vielen anderen Abkürzungen zu tun gehabt und nebenbei meine zwischenzeitlich fast ganz erloschenen Erinnerungen an Musiktheorie aufgefrischt. Das Ergebnis waren insgesamt ca. 40 Stücke aus verschiedenen Lernstadien, von denen ich aber die größte Mehrheit selbst schon nicht mehr hören kann, und die daher dankbar sein sollten, dass sie noch nicht von meiner Festplatte gelöscht wurden. Ganze 6 davon hielt ich jetzt allerdings für zumindest so brauchbar, dass ich sie mal zusammenbündeln und als EP veröffentlichen kann.

Hier ist also „Colours fading in“: 19 Minuten hoffnungslos dilettantisches Herumgeklimper in schlechter Produktionsqualität! Viel Spaß!

Advertisements

Zeitschleife

Müde und unmotiviert zucken meine Füße unter dem Schreibtisch, folgen dem Rhythmus des Riffs, der seit einer gefühlten Ewigkeit nahezu unverändert aus dem Bluetooth-Lautsprecher im Regal ächzt. Nur die Hintergrundgeräusche schwellen langsam, fast unmerklich an, der Schlagzeuger spielt andere Fill-ins. Ohne diese winzigen Veränderungen wäre ich jetzt gefangen in einer Zeitschleife, aus der es kein Entkommen gibt. Ein Gefühl, das ich in letzter Zeit sowieso viel zu oft habe: Wenn ich zum zehnten Mal am Tag die zündende, alles verändernde Idee zu haben glaube, mit zittrigen Händen die Literatur aufschlage, und realisiere, dass es immer noch der gleiche unsinnige Zirkelschluss ist, nur auf einer anderen Abstraktionsebene. Oder vorhin, als ich um elf Uhr vormittags aus dem Bett aufstand, gequält von einem Gewissen, das mir jeden Abend den Schwur abnötigt, den folgenden Tag zu nutzen.

Aber irgendwie hat die Zukunft all ihre Macht über mich verloren, ich fiebere nicht mehr dem unsagbar fernen Moment entgegen, in dem die Seiten voller Blocksatz warm und heilbringend aus dem Drucker sprudeln werden. Wobei, so fern darf dieser Moment eigentlich nicht mehr sein, immerhin ist in einer Woche die Abgabe. Aber ich könnte fast glauben, dass heute derselbe Tag ist, an dem ich mit den Büchern aus der Bibliothek kam. Mit dem winzigen, aber verhängnisvollen Unterschied, dass ich an jenem Tag tatsächlich so etwas wie Motivation gespürt habe, und zugleich Anspannung, weil ich eigentlich viel früher hätte anfangen sollen. Heute bin ich völlig unmotiviert, und obwohl die Deadline immer näher gekommen ist, bin ich auch nicht mehr angespannt. Die dicken weißen Vorhänge ersticken die Farben des Herbstes, der längst den Sommer abgelöst hat, machen mich gleichgültig gegenüber diesem Wechsel, diesem einen Zeichen der Zeit, das mich vielleicht aufrütteln könnte. Aber wenn ich sie zurückzöge, würde das Licht mich nur blenden und jede Tätigkeit am Schreibtisch endgültig vereiteln.

Ich zwinge mich also trotz allem, endlich zumindest die SEP-Seite über Descartes‘ Ideentheorie nochmal zu überfliegen, in der Hoffnung, mich endlich auf das Thema konzentrieren zu können. Aber nach zwei Absätzen schläft mein Verstand wieder ein, und plötzlich finde ich mich in einem anderen Tab wieder, und die verhasste blaue Kopfzeile meines Facebook-Feeds lächelt mich sarkastisch an. Angeekelt von mir selbst schließe ich den Tab, zum vermutlich zwanzigsten Mal heute. Und schwöre mir, ebenso wiederholt und ebenso sinnlos, dass heute alles anders wird.

Doch die Zeitschleife lässt sich nicht so einfach überwinden, sie fängt mich in dem Moment wieder ein, als ich mir eine neue Tasse Tee eingießen will und merke, dass die Thermosflasche leer ist. Und überhaupt, die Zukunft gibt es doch sowieso nicht, warum sollte ich mir also Sorgen darüber machen? Jetzt muss erstmal frischer Tee her…

 

4:39 PM

Der Mann im grauen Mantel sah auf die Uhr. Es war eine reflexartige Bewegung, eigentlich hatte er keinen Grund, die Uhrzeit wissen zu wollen. Seit Monaten hatte er keine Termine mehr gehabt, die Dinge hatten irgendwann einfach angefangen, sich auch so zu ergeben. Aber wer sein ganzes Leben in dieser Stadt verbrachte, gewöhnte es sich eben an, auf die Uhr zu sehen.

Um ihn herum gingen die Menschen schweigend ihren Geschäften nach, stiegen in Straßenbahnen oder kletterten aus Autos, standen Zeitung lesend in Tordurchgängen oder unter den Dächern der Bushaltestellen, um dort zu warten, bis der Regen aufhörte. Die Stadt war seltsam friedlich unter diesen grauen Wolken, das gleichförmige Prasseln und Rauschen legte sich dämpfend über die sonstigen Geräusche, nahm ihnen die Schärfe und Dringlichkeit. Ein kühler Wind trug den Geruch des Regens in die Cafés am Straßenrand und durch die angekippten Fenster in die Wohnungen.

Der Mann sah vom Ziffernblatt auf und blinzelte müde. Er hatte ganze drei Minuten so da gestanden und nur auf die Uhr geblickt. Ein Beobachter hätte ihm wohl unterstellt, in Gedanken versunken zu sein, aber eigentlich hatte er an gar nichts gedacht. Vielleicht an die Uhrzeit. Aber auch das nur anfangs.

Das leichte Flackern des grünen Lichtes erinnerte ihn daran, dass er ja vorgehabt hatte, die Kreuzung zu überqueren. Die Ampel war ja der einzige Grund gewesen, überhaupt stehen zu bleiben. Komisch, dass er das vergessen hatte. Aber auch egal. Langsam ging er über die Straße, seine Beine fühlten sich schwerer an als sonst, obwohl ihm das Gehen keine Mühe bereitete. Nicht einmal das linke Knie, das sonst bei jedem Schritt stach, meldete sich.

Die Ampel wurde wieder rot, als er gerade in der Mitte der Straße war. Der Fahrer der schwarzen Limousine, die an der Kreuzung wartete, hupte, und der Mann im grauen Mantel beschleunigte seinen Schritt. Nachdem er auf der anderen Straßenseite angekommen war, dauerte es noch mindestens fünf Sekunden, bis die Limousine anfuhr. Ihre Reifen rauschten auf der nassen Straße. Der Fahrer erinnerte sich betrübt, den Scheibenwischer einzuschalten, obwohl ihm die verschwommenen Stadtlichter hinter der von Tropfen übersähten Frontscheibe sehr gut gefielen.

Einige Zeit später kam der Mann im grauen Mantel zuhause an. Als er die Tür hinter sich schloss und das immer noch gleichmäßige Geräusch des Regens aussperrte, sodass die Stille ihm ganz deutlich bewusst wurde, dachte er:

„Was heute doch für ein seltsamer Tag ist…“

Dann ging er in die Küche, um sich einen Kaffee zu kochen.

Lost on the tracks

Die Sonne verbirgt sich hinter einem Wolkenschleier, während das Summen des Elektromotors beim Anfahren zu einem Heulen anschwillt. Mit einem Ruck setzt sich der Zug in Bewegung, zieht mich aus der Geborgenheit meiner Heimatstadt zurück in die Welt, ein Echo der Geburt; sanfter und doch ebenso schmerzhaft.
Am Fenster zieht die altbekannte Betonmauer des Gleisvorfelds vorüber, mit ihren Graffitis, die ich alle kenne. Oft habe ich mich gefragt, wer sie angesprüht hat. Es muss eine Ewigkeit her sein, denn ich, der ich seit meiner Geburt hier gelebt habe, kann mich nicht an eine Zeit erinnern, da diese Wand anders aussah. Die vielgerühmte Flüchtigkeit der Street Art scheint hier ausgeschaltet. Der kopflose Mann im Anzug macht mir wie immer Angst.
Ob sein Urheber wusste, welche Gedanken er fast zwanzig Jahre später in mir auslösen würde? Ob er selbst so dachte, und den Mann im Anzug deshalb an die Wand sprühte? Ich stelle mir einen Jugendlichen in den Neunzigerjahren vor, die Hände wund von den Fesseln und nass vom Angstschweiß, wie er auf seinen Zug wartet. Spürt er denselben unerklärlichen Schmerz, dieselbe Leere?
Ich werde es nie wissen, denn sein Zug fuhr vor sehr langer Zeit ab.
Leise Klavierakkorde aus der Ferne singen mich sanft in den Schlaf, ich weiß nicht, woher sie kommen oder ob ich sie mir nur einbilde, es ist mir auch nicht wichtig. Für eine glückliche halbe Stunde verschwindet das drückende Gefühl in meiner Brust, als die Müdigkeit endlich siegt und mein Kopf gegen das Fensterglas sinkt. Ein Junge mit Kapuze, der morgens im Zug einschläft. Wie normal, wie friedlich ich von außen doch wirken muss. Für einen Sekundenbruchteil kehrt, schon im Halbschlaf, das ironische Lächeln zurück, das ich früher so oft trug.
Als ich aufwache ist der Zug an einem roten Signal stehengeblieben. Der dumpfe Schmerz ist zurückgekehrt. Draußen sehe ich einen verwilderten Schrebergarten, die Äste der Brombeerhecke haben den alten Maschendrahtzaun längst überwunden. Am Eingang hat der Gärtner wohl vor Jahren versucht, ein Rosenspalier einzurichten. Dornige Ranken umwinden die stellenweise durchgerosteten Eisenstangen, die Blüten stehen, wie zum Trotz gegen die sonstige Traurigkeit dieses Ortes, in einem hellen Weißrosa. Ich wünsche mir in diesem Moment nichts sehnlicher, als auszusteigen, in diesen Garten zu gehen, ihn nie wieder zu verlassen. Aber da sehe ich an einem einzigen Blütenblatt, dünn und kaum erkennbar, einen welken braunen Rand. Die Illusion der Zeitlosigkeit zerbricht, und genau in dem Moment spüre ich den bekannten Ruck und mein Zug setzt sich wieder in Bewegung.

Eissturmsinfonie

 

Meine Kopfschmerzen lassen etwas nach, als ich in den gepolsterten Stuhl sinke. Um mich herum füllt sich langsam der Saal, immer mehr Menschen nehmen ihre Plätze ein. Die drückende Hitze, die draußen schon seit Wochen herrscht, ist hier zwar durch die standhaften Bemühungen der Klimaanlage etwas abgeschwächt, aber in Kombination mit dem Stimmengewirr der anderen Gäste und dem allgegenwärtigen A, mit dem die Musiker ihre Instrumente stimmen, zerrt sie trotzdem sehr an meinen fiebergeplagten Nerven. Hätte ich gewusst, wie ich mich fühlen würde, wäre ich heute wohl zuhause geblieben.

Stattdessen schließe ich jetzt die Augen  und lasse mich in den Kammerton sinken, versuche, alles andere aus meiner Wahrnehmung zu verbannen. „Jetzt, wo ich schon hier bin, muss ich da einfach durch.“, sage ich mir.  Das Stimmengewirr ebbt ab, die Bögen werden von den Saiten genommen. Man kann das Klicken der Tür hören, als der Dirigent eintritt. Etwa eine halbe Sekunde herrscht Grabesstille, dann beginnt der Applaus, eine Vorböe des Kommenden, so schnell angeschwollen wie verschwunden. Jetzt wieder Windstille, greifbare Spannung, die Ruhe vor dem Sturm. Ich versuche, diesen Moment so gut wie möglich zu genießen.

Meine Augen sind noch immer geschlossen, während die Holzbläser ganz sanft und nahtlos den Anfangston aus der Stille herausarbeiten. Ein kaum merklicher Wind scheint mir die fieberheiße Stirn um ein Minimum abzukühlen. Während ich noch darüber nachdenke, woher er wohl kam, setzen, eine nach der anderen, die restlichen Stimmen ein, der gehauchte Ton der Holzbläser schwillt zu einem immer vielschichtigeren Akkord an. Meine Gesichtsmuskulatur entspannt sich, das Pochen in den Schläfen verschwindet. Der Akkord verklingt so, wie er kam, haucht in der Tiefe der Fagotte sein Leben aus.

Jetzt beschleunigt sich der Rhythmus, das hauchzarte Pianissimo wird überragt von dynamischen Spitzen, und mit jedem Takt spüre ich, wie es um mich herum kälter wird. Moment.

Wie kann das sein?

Bevor ich eine Erklärung finde, fährt mir eine kräftige Böe durchs Haar. Ich höre ein Rascheln von Stoff neben mir, scheinbar wird auch den anderen Zuhörern kalt. Die Musik schwillt an, jetzt spüre ich eine leichte Gänsehaut an meinem rechten Unterarm, die Fieberhitze ist endgültig vergangen. „Na gut“, sage ich mir, „Schüttelfrost ist auch ein häufiges Symptom.“

Die ersten Geigen setzen jetzt zum ersten Mal seit Beginn des Stückes ein, spielen eine klagende, äolische Melodie, bei der sich mir der Brustkorb zuschnürt. Immer mehr verwandelt sich ihr Legato in ein Staccato, die kühle Brise in eisige Böen. Immer lauter wird das Orchester, ein drohender Bass schiebt sich unter die Musik und verdunkelt wie eine graue Regenwolke den Himmel, verstärkt von einem anschwellenden Paukenwirbel. Der Wind weht jetzt mit Orkanstärke, ich zittere am ganzen Leib und muss mich anstrengen, um nicht mit den Zähnen zu klappern.

Ein Blitz. Zu Tode erschrocken über das grell aufflackernde weiße Licht zucke ich zusammen und reiße panisch die bisher geschlossenen Augen auf, aber die Gewitterwolken verschwinden nicht, das Bild des Saals, das mir jetzt erscheint, ist dunkel, es lassen sich kaum noch Farben erkennen, Grau dominiert alles.

Eins. Zwei. Drei. Vier.

Auf den Blitz folgt der Donner, ein einziger, abgerissener Ton erklingt aus allen Trichtern und Resonanzkörpern zugleich, begleitet von einem ohrenbetäubenden Paukenschlag.

Während das Orchester in einem furchtbaren Forte die Tonleiter hinunterjagt, fallen scharfkantige Hagelkörner von der Saaldecke, zerfetzen meinen Anzug und bohren sich schmerzhaft in meine Haut. Mit rasendem Herzen spüre ich, wie Blut von meinen zerschundenen Schultern herunterfließt, nur um nach ein paar Zentimetern zu gefrieren. Mein Brustkorb ist von der Eiseskälte so zugeschnürt, dass ich in Atemnot gerate, das graue Chaos verdunkelt sich noch weiter und mir wird schwarz vor Augen.

Als das Licht zurückkehrt , ist auch die Fieberhitze wieder da und ich blicke auf ein seltsames Gebilde aus Stahlgerüsten, Scheinwerfen und Lautsprecherboxen vor einem holzbraunen Hintergrund. Ich spüre, wie mir jemand mit einem nassen Tuch über die Stirn wischt.

Das Konzert ist längst vorbei und der Saal menschenleer, mit Ausnahme eines älteren Ehepaars und eines Platzanweisers. Sie knien neben einem jungen Mann, der lang hingestreckt auf dem Boden zwischen zwei Sitzreihen liegt und aus einem Fiebertraum erwacht.

 

 

Blätter im Wind

Ich überquere gerade eine Straße, da verstummt die Musik aus meinen Kopfhörern.

„Du verschwendest deine Zeit.“

Der Gedanke durchzuckt mich wie ein Stromschlag, erfüllt jede Arterie, umklammert würgend mein Herz, sodass ich mitten auf der Kreuzung stehenbleibe und vor Schmerz das Gesicht verziehe.

Von fern höre ich das Rauschen eines schnell fahrenden Autos, das mich in die Realität zurückholt. Ohne Eile schlendere ich vorwärts in Richtung Bürgersteig. Als ich gerade dort ankomme, rast der schwarze Mercedes einige Zentimeter hinter mir vorbei. Die Tatsache, dass er mich fast überfahren hätte, nehme ich schweigend und unberührt zur Kenntnis, während ich mich unter dem gleichgültigen gelben Licht der Straßenlaternen auf den Heimweg mache.

Mir wird bewusst, dass ich ziemlich müde bin. Der rationale Teil meines Geistes wusste das zwar schon die ganze Zeit, aber in Nächten wie dieser wird er jedes Mal so hoffnungslos in die Ecke gedrängt, dass seine Ratschläge mich nur selten erreichen. Und genau das ist eigentlich auch der Grund, warum ich überhaupt zu dieser Uhrzeit ziellos durch die leeren Straßen gehe.

Ziellos?

Für einen Beobachter sähe ich wohl alles andere als ziellos aus. Ich gehe sehr schnell, wie immer. Blicke selten um mich, meist sind die Augen starr nach vorne gerichtet. Blicklos, nicht wegen der Dunkelheit, sondern weil die Signale unverarbeitet durch mein Gehirn rauschen, das mit anderen Dingen beschäftigt ist.

Und doch scheint es keinen Grund für diese Schritte zu geben. In meinem Kopf ist kein Weg vorgezeichnet, kein kleines rotes Kreuz am Straßenrand. Es erklingt keine mechanische Frauenstimme mit den erlösenden Worten: „Sie haben ihr Ziel erreicht.“

Aber ziellos bin ich eben trotzdem nicht. Wirklich ziellos wäre das Blatt im Wind, aber es geht nicht aus eigener Kraft. Und auch wenn ich an den Kreuzungen nicht stehenbleibe, mich nicht frage, was jetzt der schnellste Weg zu meinem Ziel ist, gibt es doch irgendeinen Teil meines Verstandes, der entscheidet, wie es weitergeht, wenn auch unterbewusst. An vielen Weggabelungen nehme ich immer den gleichen Weg. Wenn mir das aufällt, nehme ich bewusst den anderen, aber das repariert meine Illusion auch nicht, es schärft nur die Kanten ihrer Scherben.

Schon auf dem Weg nach Hause wird mir klar, was dies für eine Nacht sein wird. Resigniert ziehe ich meine Kapuze tiefer. Der letzte Zweck dieses Spaziergangs, meinen Kopf zum Schlafen zu leeren, ist verfehlt. Zuhause starte ich die Playlist von vorne, die ich auf dem Weg schon gehört habe, setze mich auf den alten Gartenstuhl auf dem Balkon und blicke hoch zum Nachthimmel. Es sind keine Sterne zu sehen, der Mond schimmert nur diffus hinter Wolken hervor. Heute Nacht ist nichts klar, nicht einmal der Himmel.

Unten auf der Straße fährt ein Auto vorbei. Ich beuge mich über das Balkongeländer und erkenne einen schwarzen Mercedes. Ist es der, der mich vorhin fast überfahren hätte? Nein, das würde keinen Sinn ergeben, der fuhr auf die Umgehungsstraße, nicht in Richtung Ortskern.

Das Auto biegt gerade um die Ecke. Ich frage mich, wer darin sitzt. Was treibt sie oder ihn an? Auf welches Ziel steuert dieser Wagen zu, mitten in der Nacht in diesem langweiligen Wohngebiet? Ich werde es wohl nie erfahren.

Es ist genau andersherum, als ich dachte. Ich bin der Wind. Die Blätter, das sind die anderen. Die Welt um mich herum ist ziellos.

Bin ich ein Hochstapler?

Es ist elf Uhr vormittags. Die helle Frühlingssonne strömt durch die Ostfenster in den überfüllten Seminarraum, noch kurz zuvor war die Luft erfüllt von angeregten Gesprächen. Jetzt erklingt nur noch eine Stimme. Sie spricht von Prüfungsordnungen, Abgabefristen, Zitierweisen. Von den Kriterien wissenschaftlicher Arbeit. Und die Sonne scheint plötzlich verblasst zu sein, die Gesichter, die eben noch voller Lächeln und Zuversicht ins neue Semester blickten, sind nun zu gleichen Teilen gelangweilt und todernst. Hunderte Zähne kauen nervös auf Dutzenden Lippen und Fingernägeln.

Mitten in diesem Raum sitze ich, verfolge mit halber Aufmerksamkeit die Ausführungen des Dozenten, während in meinem Kopf eine ganz andere Stimme spricht. Die Stimme des Selbstzweifels.

„Kann ich das überhaupt? Bin ich hier nicht eigentlich falsch?“

Ich bin sicherlich nicht der Einzige, der in diesem Seminarraum an diesem Vormittag über diese Dinge nachdenkt. Der sich erinnert; an das letzte Semester, die erste Hausarbeit. Gerade mal drei Wochen ist es her, dass ich aus meiner Wohnung trat, einen USB-Stick in der Tasche und das Herz voller Erleichterung, und bemerkte, dass ich den Frühlingsanfang verpasst habe. Weil ich zuvor tagelang nur zwischen Bett, Frühstücks- und Schreibtisch lebte.

Und nun legt mir der Dozent für das neue Semester Ansprüche dar, hinter denen ich bisher weit zurückgeblieben bin. Und in mir kommt sie wieder auf, diese neue Nervosität. Die Selbstzweifel, die nagende Unsicherheit.

„Warum will ich eigentlich studieren, warum Wissenschaftler werden?“

Für mich sind diese Gedanken relativ neu. Hätte man mich vor einem oder zwei Jahren gefragt, ob ich oft an mir zweifle, wäre die Antwort ein klares „Nein“ gewesen. Menschen in meinem Umfeld haben mir oft ein gesundes Selbstbewusstsein attestiert, oft genug auch in einer durchaus euphemistischen Weise. Auf die Abiturprüfungen ging ich mit einer Ruhe und Gefasstheit zu, um die ich wohl vielerseits beneidet wurde. Arroganz war immer einer der Vorwürfe, denen ich ausgesetzt war.

Warum aber sitze ich dann jetzt hier und biete ein Lehrbuchbeispiel der personifizierten Übersprungshandlung? Warum krampft sich mein Herz bei jedem zweiten Satz zusammen, wenn erfahrenere Kommilitonen von ihrem Studium erzählen? Wohin ist es verschwunden, mein „gesundes Selbstbewusstsein“?

Was bedeutet das eigentlich, sich seiner selbst bewusst zu sein? Die Lexika führen „Selbstvertrauen“ als Synonym, aber bedeutet das wirklich dasselbe? Denn eigentlich gehört zu unserem Selbst doch noch mehr als unsere Fähigkeiten.

In unserer postindustriellen Leistungsgesellschaft ist es verbreitet, eine Person auf ihr Potenzial zu reduzieren. Jemandem zu sagen, aus ihr oder ihm könne „viel werden“, gilt ja nicht unberechtigterweise als Kompliment. Wir definieren uns nicht mehr ontologisch, sondern vielmehr teleologisch: Was zählt, ist nicht, wer wir sind, sondern wer wir werden wollen.

Dieses Klima der ständigen Ermutigung und des Entwicklungsdrucks mag nötig sein in einem Umfeld, in dem ein akademischer Abschluss nicht mehr ein Attest der Brillianz, sondern der Grundintelligenz ist, und in dem der Intellektualismus immer mehr als der einzig respektable Lebensstil betrachtet wird. Aber es führt auch zu Problemen.

In den USA kam in den 80er-Jahren die Idee des impostor syndrom („Hochstapler-Syndrom“) auf. Es bezeichnet das Phänomen, dass erfolgreiche Menschen, besonders Akademiker, sich oft für Betrüger halten. Sie glauben, der erhaltenen Anerkennung nicht würdig zu sein, und fürchten sich vor dem Moment, da ihr vermeintlicher Schwindel der Öffentlichkeit zugänglich wird. Bekannte Persönlichkeiten, wie die Schauspielerin Emma Watson, der Bestsellerautor Neil Gaiman und die US-Verfassungsrichterin Sonia Sotomayor berichten von diesen Erfahrungen.

Gebräuchlich ist der Begriff vor allem im Bezug auf Postgraduates und Doktoranden. Nicht trotz, sondern gerade wegen der allgemeinen Anerkennung ihrer Kompetenz entwickeln sie das impostor syndrom. Der Unterschied zwischen ihnen und mir, dem Zweitsemesterstudenten mit bisher durchschnittlichen Prüfungsergebnissen, ist, dass sie bereits etwas geleistet haben und diese Leistung auch bestätigt wurde. In Anbetracht dieser Tatsache scheint es durchaus gerechtfertigt, ihnen ein psychologisches Problem zu attestieren, während man mir nur immer wieder sagt, das sei ganz normal. Aber eigentlich ist es doch genau das Gleiche.

Ich habe mein Abitur in Deutsch und Englisch mit der Bestnote abgelegt. Trotzdem sitze ich an neun von zehn Abenden, an denen ich versuche, etwas zu schreiben, frustriert vor Ergebnissen, die mich nicht ansatzweise zufriedenstellen. Und wenn ich versuche, akademischen Standards zu genügen, entgleitet mir der Stil, ich bilde hässliche Bandwurmsätze. Weder die Hausarbeit noch irgendeinen der „Essays“, die ich im ersten Semester für die Universität angefertigt habe, kann ich lesen, ohne dass es mir beinahe physiche Schmerzen bereitet.

Vielleicht muss ich einfach über diese Sebstzweifel hinwegkommen. Vielleicht wird mir das auch nie gelingen und ich muss lernen, damit zu leben. Es ist gut möglich, dass ich nie wieder irgendetwas, was ich anfange, mit dem Gefühl beenden werde, es so gut wie möglich gemacht zu haben.

Bin ich also ein Hochstapler? Ist nicht die Tatsache, dass ich mich in diesem Artikel schon wieder mit Leuten vergleiche, deren akademischer Werdegang viel weiter fortgeschritten ist, Zeugnis meiner überhöhten Selbstsicherheit, meiner Unwürdigkeit, meiner Arroganz? Vielleicht. Aber dass ich mir diese Fragen überhaupt stelle, sagt doch schon einiges aus über mein Selbstbewusstsein. Denn sich seiner selbst bewusst zu sein, das beinhaltet eben nicht nur Selbstvertrauen, sondern auch die Fähigkeit, sich zu hinterfragen, ohne an diesen Fragen zu Grunde zu gehen.

Vielleicht haben ja alle Menschen impostor syndrome. Solange ich nicht Gedanken lesen kann, gibt es für mich keinen Grund, anzunehmen, ich sei der Einzige, der seit einiger Zeit ständig an sich zweifelt.

Man kann sich natürlich mit Sokrates vergleichen aufgrund der vorgeblichen eigenen Bescheidenheit, aber wirklich bescheiden ist man dann nicht.

Also sollte ich wohl meine Arroganz und mein Betrügertum einfach akzeptieren, mit all den Zweifeln und der Unsicherheit, die sie mit sich bringen, und einfach damit weitermachen, solange es noch funktioniert.

Neunundfünfzig Marschflugkörper

Von 99 Luftballons, die einen Weltkrieg auslösten, sang Nena einst in der wohl wichtigsten deutschen Antikriegshymne des 20. Jahrhunderts. In beinahe trotziger Lässigkeit skizziert und kritisiert sie die grausame Absurdität der Spirale von Gewalt und Gegengewalt, die niemandem Gewinn bringt. Und nun, am 6. April 2017, lässt der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nicht etwa 99 Luftballons steigen, sondern entfesselt 59 Tomahawk-Raketen auf eine syrische Luftwaffenbasis.

Zwei Tage vorher waren in der Region Idlib Dutzende Menschen einem Angriff mit dem Nervengift Sarin zum Opfer gefallen. Präsident Trump behauptet in einer kurzen Mitteilung, die in seinem privaten Anwesen in Florida aufgenommen wurde, sein Raketenangriff sei eine Reaktion auf diesen Giftgasangriff, den der syrische Diktator Baschar Al-Assad verübt habe. Stichhaltige Beweise für diese Unterstellung gibt es nicht, der durchaus Assad-kritische Syrienexperte Jürgen Todenhöfer schreibt auf seiner Facebookseite, ein Giftgasangriff wie der stattgefundene sei für Assad strategisch höchst ungünstig.

Der Raketenschlag, den Trump angeordnet hat, ohne die gesetzlich eigentlich vorgeschriebene Zustimmung des Kongresses einzuholen, stellt einen Paradigmenwechsel in der Außenpolitik des Präsidenten dar. Nur zwei Jahre zuvor hatte Trump, damals noch nicht selbst als Politiker tätig, wiederholt die interventionistische Haltung der Obama-Administration kritisiert, auch konkret im Bezug auf den Krieg in Syrien.

Die internationale Reaktion auf die völkerrechtlich vollkommen illegitime Intervention ist verblüffend: Trump erhält Zustimmung von politischen Gegnern, sein Handeln wird als entschlossen und angebracht dargestellt, selbst der deutsche Außenminister Gabriel solidarisiert sich und sagt offen, Assad sei allein verantwortlich auch für den amerikanischen Angriff, erkennt in einer Stellungnahme aber sogar an, dass für Assads Täterschaft keine Beweise vorliegen. Kanzlerin Merkel findet den Schritt „nachvollziehbar“, Verteidigungsministerin Von der Leyen nennt ihn „richtig“.

Ist das wirklich die angebrachte Reaktion?

Unzweifelhaft ist der Einsatz chemischer Waffen ein abscheuliches und unentschuldbares Verbrechen. Und ich möchte klarstellen, dass ich mit diesem Artikel weder den Diktator Assad, ob er nun für den Angriff verantwortlich ist oder nicht, in Schutz nehmen, noch die Ereignisse in Idlib verharmlosen will. Dennoch muss die amerikanische Reaktion differenziert betrachtet werden, gerade weil in Syrien fast alle Konfliktparteien Undenkbares verbrochen haben.

Stefan Kornelius schreibt in einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung: „Der neue US-Präsident mag keinen Plan haben, er mag emotionsgeleitet sein, er mag unfähig sein. Aber dennoch hat der Militärschlag in Syrien gezeigt: Sein Instinkt stimmt.“

Kornelius argumentiert, eine Hauptschuld am Syrienkrieg liege bei Russland, weil es sich weigere, „das größte Hindernis auf dem Weg zu einem Frieden aus den [sic] Weg zu räumen: Assad“. Für einen renommierten und erfahrenen politischen Journalisten ist das eine bemerkenswert einseitige und unreflektierte Aussage, die den asymmetrischen und multikausalen Character des Konfliktes ebenso missachtet wie die Vielzahl an anderen Konfliktparteien, die eine durchaus beachtliche Rolle spielen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, wäre da der Daesh, gegen den auch Assad und Russland kämpfen, die in sich völlig zersplitterten und politisch wie sozial heterogenen Gruppierungen, die unsere Medien so gern als „Die Rebellen“ zusammenfassen, die Regierungen der Nachbarländer, und viele mehr.

Kornelius‘ Kernthese ist, dass Trump mit dem Raketenangriff eine Botschaft an Wladimir Putin und Russland senden wolle. Er schreibt: „Die 59 Raketen sind also eine Botschaft der USA an Russland: Es ist Zeit zum Kennenlernen“.

Trumps Instinkt, nach Stefan Kornelius‘ Verständnis, ist es also, die Russen durch das Bombardieren eines ihrer Verbündeten zur Kooperation und zur Elimination eben dieses Verbündeten zu ermuntern. Und Kornelius‘ Diagnose lautet allen Ernstes, dieser Instinkt sei richtig.

Es stimmt, dass diese unvorhergesehene Handlung Trumps, wie alles, was dieser tut, als ein Statement gewertet werden muss, dass er eine Botschaft übermitteln will. Fragwürdig ist aber schon, ob der Empfänger dieses Statements wirklich Russland ist. Schließlich versteht Kornelius sehr wohl die besondere innenpolitische Situation, in der sich die Trump-Regierung befindet, seit die inzwischen gut belegten Vorwürfe laut wurden, Trump sei wirtschaftlich wie politisch von Moskau abhängig und vielleicht sogar erpressbar. Hier drängt sich doch die Vermutung auf, dass Trumps abrupter außenpolitischer Verhaltenswechsel nicht unbedingt eine Botschaft nach Russland senden soll, sondern vielmehr in die eigene Heimat: „Seht her, ich bombardiere einen Verbündeten Putins, ich bin unabhängig und der Kreml hat mich nicht in der Tasche.“

Vielleicht glaubt Trump aber auch wirklich, er könne Putin durch Machtdemonstrationen kleinkriegen, wie er es sich beispielsweise auch bei Kim Jong Un erhofft. Mit Blick auf die russische Politik der letzten Jahre wäre das aber kein richtiger Instinkt, sondern eine gefährliche Fehleinschätzung. Donald Trump hat bereits im Wahlkampf bewiesen, dass militärisches und weltpolitisches Hintergrundwissen nicht gerade zu seinen Kernkompetenzen zählen. Mit der Anordnung einer nicht vom Kongress abesegneten, völkerrechtlich illegitimen, strategisch fragwürdigen militärischen Intervention auf Basis von Spekulationen hat er nun gezeigt, dass er auch als Präsident nicht viel dazugelernt hat.

Und selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Assad tatsächlich den Einsatz von Sarin gegen seine eigene Bevölkerung befohlen hat, ist die Bombardierung einer Luftwaffenbasis immer noch kein Schritt hin zur Befriedung Syriens. Eine Weltmacht, die in einem fremden Land interveniert, sollte zumindest ein klares, ausgearbeitetes Konzept über das weitere Vorgehen haben. Ein solches Konzept hat Trump bisher weder vorgelegt, noch deuten irgendwelche Indizien darauf hin, dass es überhaupt existiert.

Vergeltung ist keine Rechtfertigung, Gewalt legitimiert nicht Gegengewalt. Mahatma Gandhi soll einmal gesagt haben: „Auge um Auge, und die ganze Welt wird blind.“ Interventionismus muss rational begründbar sein, damit er politisch und ethisch vertretbar ist. Sowohl die deutsche Kanzlerin und ihre Minister als auch die Presse wissen das eigentlich.

Politische Verantwortung

Der Parlamentspräsident rutschte unruhig auf seinem Platz umher. Eigentlich gab ihm der Regierungschef im Hinterzimmer vor jeder Sitzung genaue Informationen darüber, was geschehen würde, aber auf so eine Situation war er nicht vorbereitet. Noch nie hatte diese Abgeordnete sich für einen Redebeitrag in einer Debatte gemeldet, bei der außer den Mitgliedern ihrer eigenen Fraktion auch noch andere Parlamentarier anwesend waren. Ein aufmerksamer Beobachter hätte vielleicht amüsiert festgestellt, dass die Schweißperle auf der Stirn des Präsidenten genau zu dem Zeitpunkt seine Augenbraue erreichte, in dem die Rednerin beim Zweitpult ankam. Aber zum Glück würde die Öffentlichkeit nie erfahren, ob das wirklich der Fall war, denn welcher vernünftige Mensch hätte jemals irgendein Interesse für das politische Geschehen aufgebracht?

Die Rednerin ordnete mit zittrigen Händen ihre Notizen. Zwei Meter rechts von ihr brüllte der stellvertretende Vorsitzende der kleinen Koalitionspartei die Namen sämtlicher Wursthersteller im Land in ein Mikrofon. Es war der bisherige Höhepunkt eines bereits acht Stunden dauernden Filibusters, den man von den Regierungsbänken aus gespannt verfolgte.

Der Geschäftsordnungszusatz, der das parallele Aufrufen mehrerer Redner erlaubte, hatte die Parlamentsarbeit ungemein erleichtert und ein neues Höchstmaß an legislatorischer Effizienz ermöglicht, dachte der Wirtschaftsminister im Halbschlaf.

„Ehrenwerte Damen und Herren.“, begann nun die Rednerin am Zweitpult,

„Die Bemühungen der Regierung, diesen zukunftsweisenden Entwurf zu verhindern, halte ich, um es ihnen ganz ehrlich zu sagen, für undemokratisch und obstruktionistisch! Es ist, als sähe man einem Kind zu, das nicht auf eine Reise mitkommen will, und deshalb seinen Koffer so langsam wie möglich packt, in der Hoffnung, die Eltern mögen vor Ungeduld allein das Haus verlassen.“

Der Beifall, den sie von ihrer eigenen Fraktion erhielt, wurde von der enthusiastischen Aufzählung des Redners am Erstpult übertönt, was kein Wunder war angesichts der Tatsache, dass er das einzige funktionierende Mikrofon im Saal benutzte.

„Aber ist das verwunderlich?“, fuhr die Oppositionspolitikerin standhaft fort, „Wenn man den Umstand beachtet, dass diese Regierung eine Minderheitsregierung ist und sie, werter Kollege, den Koalitionsvertrag nur unter der Bedingung unterzeichnet haben, dass ihre Partei das Desinformationsministerium bekommt? Ist es wirklich verwunderlich, dass eine Regierung, an der die ‚Konservative Allianz für eine geduldige Politik‘ beteiligt ist, sich mit aller Kraft bemüht, die progressiven Bestrebungen der tatsächlichen Mehrheit zu vereiteln?“

Entrüstet drückte der Vorsitzende der KAGP seine Zigarre aus und hob langsam, Zentimeter für Zentimeter, den Arm.

Sofort wurde es still in der Kammer. Sogar der Redner am Erstpult unterbrach seinen Filibuster, der gerade von den Wurst- zu den Fischkonservenherstellern übergegangen war, und starrte seinen Parteichef an, das Gesicht blass vor Entsetzen. Es war das erste Mal in seiner fünfzig Jahre währenden politischen Laufbahn, dass dieser Mann sich für eine Zwischenfrage meldete. Das war ein Linienbruch, ein Verstoß gegen die Prinzipien seiner eigenen Partei, eine Störung des politischen Friedens.

Mit einem strahlenden Lächeln nickte die Rednerin ihm zu. Genau darauf hatte sie gehofft.

„Ich weiß ja nicht,“ begann er mit einer Stimme, die an einen hundert Jahre alten Dieselmotor erinnerte, „was sie sich unter Regierungsverantwortung vorstellen. Vermutlich haben sie gar keine Vorstellung davon. Aber machen sie sich einen Begriff davon, wie schwer es ist, dieses Land zu führen, nachdem unsere dritte Koalitionspartei Massensuizid begangen hat? Denken sie einmal genau darüber nach, bevor sie mit ihren subversiven Phantasien fortfahren.“ Nach diesen gewichtigen Worten stellte er die Lehne seines Sessels wieder zurück und schloss, offenbar sehr zufrieden mit sich selbst, die Augen, unter tosendem Beifall von den Regierungsbänken.

Sein Stellvertreter wartete einige Sekunden, dann fuhr er mit seiner Rede fort. Die Rednerin am Zweitpult, deren Gesichtsausdruck im Verlauf der Zwischenfrage von einem falschen Lächeln zu echter Langeweile mutiert war, machte sich daran, eine Antwort zu formulieren, aber niemand hörte ihr zu. Man hatte den Karrierepolitikern, die die überwiegende Mehrheit der Sitze einnahmen, von klein auf beigebracht, Radikalen keine Plattform zu bieten, und die Progressive Partei war ganz offensichtlich radikal in den Augen der beiden konservativen Regierungsparteien und der großen liberalen Oppositionspartei.

Auf der Pressetribüne saß ein einsamer Journalist der letzten Zeitung, die noch über Politik berichtete. Seine Kolleginnen und Kollegen hatten über die Jahre hinweg nach und nach das Handtuch geworfen, waren emigriert oder zu anderen Ressorts abgewandert. Er war der letzte seiner Art, und niemand im Saal beachtete ihn, als er sich die Pistole in den Mund schob und abdrückte.

Rezension: Blackfield V

KSCOPE360-1000px

Vorab: Ich glaube, ich überrasche niemanden, wenn ich gestehe, ein hoffnungsloser Steven-Wilson-Fan zu sein. Porcupine Tree waren die erste Band aus dem Genre des Progressive Rock, die mich wirklich begeistern konnte, und der Grund, warum ich irgendwann vor 1-2 Jahren zum ersten Mal wirklich in diesen Musikstil eingetaucht bin, und In Absentia und Fear of a Blank Planet gehören nach wie vor zu meinen absoluten Lieblingsalben. Bei Wilsons Soloprojekt habe ich bedeutend länger gebraucht, um es tatsächlich zu mögen, aber manchmal muss man Musik eben Zeit geben.

Eine Formation, der ich zugegebenermaßen nie allzuviel Zeit gegeben habe, ist Blackfield, Wilsons Kollaboration mit dem israelischen Sänger und Songwriter Aviv Geffen. (Ich habe mir sagen lassen, Geffen sei in Israel sehr bekannt und eine kontroverse Persönlichkeit, aber viel scheint davon nicht nach außen zu dringen.) Und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen habe ich beschlossen, dem neuen Album der Beiden mit dem doch sehr einfallsreichen Titel Blackfield V etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, wurde es doch schon Monate vor dem Release von Label, Kritikern und Wilson selbst in den Himmel gelobt.

Blackfield V beginnt mit dem neoklassischen Instrumentalstück A Drop in the Ocean, das zwar ganz nett klingt, mit seiner Länge von 1:36 und dem filmmusikartigen Kompositionsstil aber wohl eher als Einführung denn als eigenständiges Stück zu sehen ist. Nach einem Moment der Stille, bei dem ich kurz zur Anlage ging und nachsah, ob sie überhaupt noch abspielte, folgt dann „Family Man“. Der von Steven Wilson gesungene Song fühlt sich sofort vertraut an, denn er erinnert sowohl klanglich als auch inhaltlich sehr stark an Porcupine Tree, die druckvollen, teils verzerrten Gitarrenriffs  verstärken diesen Eindruck. Es scheint ironisch, dass Wilson, der kinderlos ist und immer wieder deutlich gemacht hat, er habe sich gegen eine Familie und für die Musik entschieden, darüber singt, dass es keine Schande sei, ein „Family Man“ zu sein. Aber vielleicht ist dieser Song ja als sentimentaler Moment zu verstehen, in dem er seine Entscheidung hinterfragt und darüber sinniert, wie es hätte anders kommen können. Unabhängig davon ist Family Man mit seinem intelligenten und doppelbödigen Text (Lieblingsstelle: „Chasing your dreams / Paying your bills / Here you go again…“) und der soliden, wohlerprobten Struktur ein gelungener Auftakt zum Album.

Es folgt mit How was your ride? ein weiterer eindeutiger Wilson-Songder deutlich leiser und sanfter daherkommt als der vorherige und mich persönlich stark an Wilsons neueres Solomaterial erinnert. Das Lied beginnt mit einer hellen, gefühlvollen Klaviermelodie, dann setzt Wilsons Stimme ein, und langsam und kontinuierlich steigert sich das Stück zum ersten Refrain hin und läuft dann flüssig und angenehm weiter. An den zweiten  Refrain schließt sich ein Gitarrensolo an, das sehr gut anfängt, aber für meinen Gechmack deutlich länger sein könnte. Dennoch ein weiterer sehr gelungener Song, der sich auch gut an den vorhergegangenen anfügt.

Dann jedoch kommt die große Enttäuschung. Der vierte Titel, We’ll never be apart, ist eine halbherzige, glattgebügelte Pop-Rock-Blamage mit schmerzhaft flachen und kitschigen Lyrics und einem kaum variierten Gitarrenriff, der mich beim ersten Hören fast ein wenig an billige Countrymusic erinnerte. Ohrwumpotenzial hat der Track zwar allemal, aber das allein ist kein Qualitätsmerkmal und sowohl Wilson als auch Geffen, der in We’ll never be apart das erste Mal als Leadsänger zu Wort kommt, können das eigentlich viel besser.

Und genau das beweist das nun folgende Sorrys. Die gezupfte Akustikgitarre passt besser, der Text ist zwar immer noch persönlich und nicht so kryptisch wie noch in den ersten beiden Songs, aber bildreicher als in We’ll never be apart, und nicht mehr so klischeehaft. Auch Aviv Geffens Gesang gefällt mir in Sorrys viel besser, er klingt gefühlvoller und ehrlicher und zugleich sicherer.

Leider gelingt es Geffen und Wilson nicht, diesen vielversprechenden Ansatz weiterzuverfolgen, denn der nächste Titel, Life is an Ocean, bedient sich eines der langweiligsten und ausgelutschtesten Vergleiche in der Geschichte der Bildsprache und wiederholt in dreieinhalb Minuten dieselben inhaltsleeren sechs Zeilen, wobei ein (wieder viel zu kurzes und zurückhaltendes, sozusagen nur angedeutetes) Gitarrensolo die einzige, sehr willkommene Abwechslung bietet.

Und anders als vorher folgt hier nicht sofort die Erlösung, denn Lately ist zwar abwechslungsreicher als Life as an Ocean, aber so richtig konnten mich weder der Text noch die gelegentlich eingestreuten Riffs überzeugen, und die furchtbar unpassende und schmerzhaft helle weibliche Gesangspassage gegen Ende trägt auch nicht unbedingt dazu bei, den Gesamteindruck zu verbessern.

Aviv Geffen führt das Album nun weiter in eine ganz andere Richtung, mit dem gesangsbetonten October, das mit einer zugegebenermaßen exzellenten Streicher- und Klavierbegleitung daherkommt, die sich aber hinter Geffens Stimme immer höflich im Hintergrund hält. Und besagte Stimme erreicht in October nun endlich das Niveau, das man von einem erfahrenen und gut ausgebildeten Sänger wie Geffen eigentlich erwarten darf. Routiniert spielt er mit Klangfarbe und Dynamik und arbeitet den zutiefst persönlichen Text über das Streben nach Glück vorzüglich heraus. Steven Wilson, der ja zu Beginn noch klar die Oberhand hatte, hört man an diesem Punkt kompositorisch fast gar nicht mehr heraus, und dieser Eindruck verstärkt sich mit dem nächsten Song, The Jackal, noch weiter. Denn der ist zu Beginn ganz klar dem klassischen (Blues-)Rock zuzuordnen, und entwickelt sich erst nach etwa zweieinhalb Minuten wieder in eine andere Richtung, im gleichen Moment, in dem auch Wilson wieder gesanglich in den Vordergrund rückt und mit dem von ihm so gern eingesetzten Stimmverzerrer die Vorbereitung für das leistet, was das erste wirkliche Gitarrensolo auf Blackfield V wird. Danach ebbt der Song langsam ab und gibt den Weg frei für Salt Water, ein ruhiges, unaufdringliches Instrumentalstück, das sämtliche Spannung abbaut und dem Hörer die Gelegenheit gibt, abzuschalten, bevor…

…Wie soll ich es sagen?

Bevor Undercover Heart den letzten Rest Kontinuität und Glaubwürdigkeit aus dem Album heraussaugt. Im einen Moment Bond-eskes Anschleichmotiv, dann wieder weinerlicher Popsong, ist dieses Stück meiner Ansicht nach der absolute Tiefpunkt von Blackfield V. Unoriginell, kitschig, und vollkommen unpassend.

Lonely Soul ist dann in der gemütlichen Position, dass es eigentlich schlechter nicht mehr werden kann, bringt aber nur eine kleine Steigerung. Nicht nur dass es mit nur vier aussagelosen, immer wieder wiederholten Textzeilen auskommt, auch die unsagbar nervige Werbejingle-Frauenstimme aus Lately  meldet sich zurück, diesmal in Chorus geschaltet und nicht minder unnötig.

Der letzte Song des Albums, From 44 to 48, ist dann doch wieder so etwas wie eine Erlösung. Inhaltlich schließt er den Bogen zu Family Man, erzählt aus der Retrospektive das Leben des lyrischen Ichs, und stellt damit zumindest ein bisschen von dem „loose concept“ wieder her, von dem Steven Wilson während der Promotion des Albums gesprochen hat, und das spätestens mit Undercover Heart irgendwo hinter einer Mülltonne verschwunden war. Die melancholisch-nostalgische Stimmung, für die Steven Wilson allgemein und auch Blackfield im Besonderen eigentlich bekannt sind, kehrt hier endlich wieder zurück, und so endet Blackfield V schließlich doch noch in Würde.

Fazit: Blackfield V hat mich als Gesamtkonzept nicht überzeugen können. Es gibt zwar auch Höhepunkte, besonders die beiden ersten Songs Family Man und How was your ride?  sind exzellent. Aber für eine Kollaboration zweier so erfahrener Musiker und angesichts dessen, was Beide vorher sowohl einzeln als auch gemeinsam geliefert haben, sind die Schwachpunkte zu viele und zu drastisch. Plötzliche, durch nichts zu erklärende Stilbrüche und sowohl lyrisch als auch musikalisch bemerkenswert schwache Passagen im mittleren Teil des Albums werden durch die gelegentlichen Momente der aufflackernden Brillianz nicht ausgeglichen.

„Blackfield V“ von Blackfield ist am 10. Februar 2017 bei KScope erschienen.